Kaufkriterium Gewicht am Bike?

Gewogen und für zu schwer befunden – so geht es manchem Leichtbau‐Fetischisten, der nach monatelangem Studium von Vergleichsportalen, Katalogen und Fachzeitschriften sein Traumbike aufgebaut hat und erstaunt feststellt, dass das Gesamtpaket deutlich schwerer ist, als die hart errechnete Summe aller Teile.

Doch ist das wirklich das wichtigste? Ich hab mal versucht aufzudrödeln, wann sich etwas mehr Gewicht lohnen kann, auch wenn der ein oder andere Gewichts-Fetischist jetzt Schnappatmung bekommt.

Rein logisch betrachtet, gibt es für mich eigentlich nur 2 Bike-Kategorien, bei denen Gewicht eine große Rolle spielt. Zum einen Kinderfahrräder und zum anderen Rennräder. Dass es für ein 20 Kilogramm leichtes Kind schwieriger ist, ein 15 Kilogramm schweres Rad zu bewegen, als für einen Erwachsenen mit 70, 80 oder 100 Kilogramm Körpergewicht, das liegt auf der Hand.

Leichte Bikes sind aber nur besser, solange die Gewichtsreduktion nicht zulasten der Stabilität von Rahmen und Komponenten geht.

6,8 Kilogramm pures Glück?

Dieses Gewicht, das UCI-Minimum für Wettkampfräder ist für manchen der heilige Gral und “Goldstandard”, mit dem so manche Stammtischrunde ihre Bikes miteinander misst.

Ob das sinnvoll ist? Eine Frage der Perspektive. Jedenfalls sollte der 95‐Kilogramm‐Athlet, der im Sprint 1.000 Watt und mehr in die Kurbelarme drückt, sein Kreuz eher bei maximaler Rahmensteifigkeit als beim geringem Gewicht machen.

Philipp Martin vom US‐amerikanischen Rennrad‐ und MTB‐Hersteller Cannondale antwortet dann auch eher salomonisch auf die Frage, wieviel das Gewicht beim Renner noch zählt: „Gewicht zählt, ist aber nur eines von mehreren Kriterien, die ein Rennrad schnell machen. Deshalb versuchen wir bei Cannondale grundsätzlich eine Modellpalette anzubieten, in der vom Bergfloh zum Bahnsprinter jeder das richtige Rad findet.“

Ein leichter Laufradsatz mit 200 Gramm weniger rotierender Masse beeinflusst das Fahrverhalten viel stärker, als wenn man dieselben 200 Gramm an Sattel, Lenker und Pedalen einspart. Vom guten Mehrgewicht

Besonders auffällig ist der Gewichtswahn bei Online‐Shops. Diese suchen immer nach möglichst plakativen und einfachen Unterscheidungskriterien. Argumente wie wenig Gewicht locken Käufer an und lassen sich einfach darstellen.

Die komplexe Bedarfsanalyse und individuelle Beratung, die zum Beispiel Fachhändler leisten, kommt da jedoch leider oft zu kurz. Keinem Berufspendler ist mit einem Rad geholfen, dessen empfindliche Leichtbaukomponenten alle paar Wochen einen aufwendigen Service benötigen. Befreundete Weltreisende schwören bis heute auf Stahlrahmen, da diese im Schadensfall nahezu überall auf der Welt repariert werden können.

Der Teufel steckt im Detail

Was für Bikes gilt, gilt auch für so manches Zubehör. Allen voran für Reifen, die als einzige Kontaktfläche zwischen Rad und Untergrund hohe Lasten zu schultern haben. Ein Cross‐Country‐Mountainbiker, der um den Sieg sprintet, wird das Risiko eines leichteren und leichter rollenden Reifens mit weniger Pannenschutz für den Renntag eingehen.

Ein Familienvater indes, der an seinem freien Tag eine Geländetour unternimmt, wird sicherlich mit dem etwas schwereren und pannensicheren Reifen glücklicher. Und wer im Alltag einen sogenannten „Unplattbar“-Reifen wie den „Marathon Plus“ von Schwalbe verwendet, wird das höhere Gewicht sicher gern verschmerzen, wenn es ihm das Flicken erspart.

Fazit

Und soll nun geringes Gewicht plötzlich gar nichts mehr zählen? Nein! Man sollte es nur bei der Kaufentscheidung nicht zum wichtigsten Kriterium erheben.

Gewicht selbst ist, wie jede messtechnische Größe, nicht immer gleich Gewicht. Serienstreuung, Fertigungstoleranzen und unterschiedliche Messverfahren verfälschen die vermeintlich objektive Zahl.

Es soll sogar Hersteller gehen, die grundsätzlich die kleinsten Rahmengrößen ohne Schlauch oder Fett in den Lagern wiegen. Vor allem sind Fahrräder und ihr Zubehör aber zu komplex für die simple Gleichung leichter = besser. Und, so manches Gramm kann vielleicht der ein oder andere Mensch und nicht die Maschine einsparen, ihr versteht mich schon…;-)

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