Wie verändert sich das Rennrad? Ein Ausblick

Stagnierende Rennrad‐Verkaufszahlen. 2018 hatten gerade einmal 3,5 Prozent der verkauften Räder einen Rennlenker.

Die Tour de France rollt, die besten Fahrer der Welt quälen sich durch Frankreich, Fans toben am Straẞenrand. Diese Zeit, ist gleichzeitig der alljährliche Showdown von Herstellern, neue Produkte zu präsentieren. Daher hier mal ein Blick in die Glaskugel. Ohne Garantie.

 

Schneller, schneller und schneller

Ein Schritt in die digitale Zukunft ist die Rennrad-Funkschaltung "Red eTap AXS" der Firma Sram. Alle Komponenten lassen sich über eine App miteinander kombinieren und individuell anpassen. Schaltwerk und Umwerfer sind mit baugleichen Akkus ausgestattet.

Dass Radprofis heute schneller als früher ballern, und sehr genaue Ansprüche an ihre Bikes und Abstimmungen für jede Strecke haben, ist kein Geheimnis. Nicht immer leicht für Bike und Komponentenhersteller, Schritt zu halten.

Ein aktuelles Ergebnis ist die neue „Red eTap AXS“ Funkschaltung (ab ca. 2.800 Euro) mit 12 Ritzeln in der hinteren Kassette. Sie ermöglicht schnellere und präzisere Schaltvorgänge mit feineren Abstufungen als mechanische Modelle und kommt ganz ohne Kabel aus. Mit der dafür vorgesehenen AXS‐App kann der Biker sich die Schaltung detailliert einstellen.

Vorteil sollen laut Marketing Blabla, die sich dadurch ergebenen vielen optimalen persönlichen Einstellungen sein, die dem Fahrer helfen, seine Leistung zu verbessern. Zudem sollen Mechaniker davon profitieren, denn einmal richtig eingestellt, muss die Schaltung nicht mehr nachjustiert werden. Der Schrauber meines Vertrauens wird sich freuen, wenn Aufträge für das nachjustieren von Schaltungen ausbleiben.

Hinzu kommt, Schaltzüge können nicht mehr verschleißen und die Schaltperformance bleibt länger auf einem konstant hohen Niveau. Alles zusammengenommen, soll es den breiten Radsport langfristig verändern. Naja, es gibt wie bei allem im Leben 2 Seiten der Medaille.

Cannondale Supersix Evo

Die Schaltung ist dabei ein Teil der Gesamtentwicklung. Rennräder werden permanent effektiver, aerodynamischer und so auch schneller.

Philipp Martin von Cannondale preist derweil an, dass durch verbesserte Rohrformen die Steifigkeit des Rahmens bei neuen Modellen weiter verbessert und Rennräder zeitgleich deutlich stabiler und schneller machen. Tests haben wohl gezeigt, dass dadurch bis zu 30 Watt eingespart werden können.

Als Beispiel bringt er die aktuell überarbeitete Rennradserie „Supersix Evo“ (Preis je nach Ausstattung zwischen 2.799 und 10.499 Euro). Es soll das schnellste leichtgewichtige Rennrad der Welt sein und laut Martin ein „reines Rennrad“. Eine Bezeichnung, die überrascht, aber den aktuellen Weg und vor allem den Wandel des Rennrads zeigt.

Gravelbike Stevens

 

Weg vom Asphalt – ab in den Feldweg

Dass Rennräder nicht unbedingt nur Straẞen wollen, und seit Jahren ein Trend nach dem anderen fernab geboren wird, dürfte jeder gecheckt haben. Es kommen immer mehr Rahmen auf den Markt, die deutlich breiteren Reifen Platz bieten.

Reine Rennräder“ stehen heut meist auf 25 Millimeter breiten Reifen, bei sogenannten Gravel‐Bikes sind Reifen zwischen 30 und 50 Millimeter Breite verbaut. Profis nutzen die Option auf äußerst anspruchsvollen und reifenverschleißenden Strecken wie Paris‐Roubaix oder auf den toskanischen Strade Bianchi, wo Kopfsteinpflaster oder Schotter der dominierende Untergrund sind.

Wer will schon abstreiten, dass 30 Millimeter breite Reifen ein deutliches Mehr an Komfort und Pannensicherheit bieten. Letztere ist gerade bei Wettkämpfen wichtig, denn Defekte im unpassenden Moment entscheiden nun mal oft über Sieg und Niederlage.

Für Hobby und Freizeitfahrer ist eine klare Tendenz zu solchen Rädern zu erkennen, da sie den Nutzwert des Bikes steigern. Nicht jeder will, oder hat das Geld für 3 oder 4 Bikes. Persönlich find ich, dass man nie genug Bikes haben kann, aber naja.. ich schweife ab.

Desweiteren lässt sich eine lustvolle Vermischung vorher statischer Radgattungen beobachten: Die Grenzen zwischen Rennrad, Geländerenner, Reiserad, Alltagsflitzer und Trainingsrad verschwimmen zusehends.

Beim Bikehersteller Stevens etwa, nennt man dies „Ganzjahressporträder”. Diese vereinen laut Hersteller sportliche Fahrdynamik und Komfort, wie man ihn auf Langstrecken braucht, mit einer hohen Alltagstauglichkeit, wie sie Schutzbleche, Gepäckträger und Beleuchtung bieten.

Passend dazu hat man dort mit den Modellen „Gavere“ (1.299 Euro),  „Supreme“ (1.499 Euro), „Vapor“ (1.999 Euro) bereits drei passende Renner im Sortiment. Man ist dort fest davon überzeugt, dass der Trend die Radentwicklung noch weiter beeinflussen wird.

Mancher Gravel-Racer macht nicht nur auf staubigen Offroadpfaden eine gute Figur. Cannondales Modell Topstone etwa ist auch als schneller Stadtflitzer nicht überfordert.

 

Ideen vom MTB adaptieren

Das Breitreifenrennrad, geiler Name, wurde in erster Linie möglich, weil man einfach die Technik vom Mountainbike übernommen hat. Scheibenbremsen, Tubeless-Reifen und Einfachschaltung sind am Mountainbike schon länger Standard.

Mit 28 bzw. 29 Zoll und 27,5 Zoll treffen sich beide Gattungen nun auch in puncto Laufradgröße. Manches Gravel‐Rad kommt sogar mit versenkbarer Sattelstützen oder Federgabel (z. B. „Slate“ von Cannondale). Beides hat das Fahren mit dem Mountainbike revolutioniert und wäre vor wenigen Jahren am Rennrad noch undenkbar gewesen.

All diese Innovationen treffen auf ein eher konservatives Rennrad‐Klientel, das sich in Teilen am liebsten auf ein klassisches, leichtes Bike setzt. Ich mit meiner Vorliebe für 1 starren Gang und Stahlrahmen fall da zwar raus, aber normal war ich eh noch nie.

Für Hersteller ist es deshalb wichtig, einen Spagat hinzubekommen, der neue Käufergruppen erobert, aber auch langjährige Kunden bei Laune hält. Von der seit Jahren anhaltenden Diskussion über Scheibenbremsen am Rennrad will ich erst gar nicht anfangen.

Gravelbike Speedrocker Klettbändern

 

Der Markt stagniert

Für den Rennradmarkt sind diese Entwicklungen ein Weckruf zur rechten Zeit. Seit Jahren stagnieren die Rennrad‐Verkaufszahlen auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau – obwohl viel Entwicklungsarbeit und Marketing‐Budget der Hersteller in den Bereich wandert.

Laut aktuellen Marktzahlen des Zweirad‐Industrie‐Verbandes (ZIV e. V.) hatten 2018 gerade einmal 3,5 Prozent der verkauften Räder einen Rennlenker. Und auch im Fachhandel rückt das einstige Vorzeigefahrrad immer stärker in den Hintergrund. Nur noch rund zwei Drittel der deutschen Fachhändler geben laut einer Umfrage des Branchenmagazins SAZbike an, überhaupt Rennräder zu verkaufen.

Dabei liegen die Räder mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 2.200 Euro im mittel‐ und hochpreisigen Segment. Also eigentlich ein gutes Geschäft. Doch viele Rennradfahrer kaufen aufgrund der meist niedrigeren Verkaufspreise die Räder mittlerweile bei Direktversendern im Internet. Die Folge: Um mitzuhalten, ist der Fachhandel zur Rabattierung gezwungen.

Rennräder sind dabei äußerst beratungsintensiv, weil viel von der richtigen Sitzposition abhängt und die technischen Unterschiede so fein austariert sind. Viele Händler haben einfach nicht mehr die Zeit für diese ausführliche Beratung, die kaum etwas einbringt. Deshalb überlassen sie das Feld lieber den Spezialisten.

Hinzu kommt der in den letzten Jahren stark wachsende Anteil an E‐Bikes, die im Fachhandel viele Ressourcen binden, aber auch viel Umsatz bringen. Das Rennrad ist zwar für viele eine Herzensangelegenheit. Aber wenn man kalkulieren muss, muss man als Händler auch mal schwierige Entscheidungen treffen.

 

Rennräder mit Antriebsunterstützung finden immer mehr Freunde. Cannondales Synapse Neo verfügt über einen leichten Bosch-Motor mit besonders leisem Lauf.

 

Der Motor kommt auch am Renner

Und auch der Motor findet sich seit 2017 am Rennrad – der somit letzten elektrifizierten Radgattung. Kaum ein Hersteller, der 2019 auf ein elektrifiziertes Rennrad verzichtet. Aktuell mag das Thema zwar noch eine Randerscheinung sein, aber für die Zukunft wird mit einem signifikanten Wachstum gerechnet.

Die Zielgruppe sind laut Bikeindustrie entweder ältere Fahrer oder Leute, die wenig Zeit zum Training haben. Sie können so besser mit ihren Trainingsgruppen im bergigen Terrain mithalten. Aber auch junge Fahrer, die der E‐Mobilität aufgeschlossen sind, kaufen sich ein solches Rad, um einfach Spaß damit zu haben. Das Rennrad bietet für die Zukunft also noch reichlich Themen und gehört noch lange nicht zum alten Eisen.

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